Wie spielt man mit Sparschälern, Haarbürsten, Flaschenöffnern, Federn, Klarsichtfolie und Schuhlöffeln?

Der erste Workshop im Rahmen von «Queering Games» war gleichzeitig auch der Startschuss für das Projekt und die erste Annäherung daran, wie sich queer use und Zweckentfremdung im Spiel als Forschungspraktiken anfühlen können. Dabei ist das «Fühlen» im Sinne einer sensorischen Erfahrung ganz wörtlich gemeint. Jessica Sigerist und Sarah Klapisch des queer-feministischen Sexshops untamed.love haben uns angeleitet, Alltagsgegenstände mit allen Sinnen spielerisch zu erfahren. Wie schmeckt eine Haarbürste, wie fühlt sich Klarsichtfolie an, was höre ich, wenn ich einen Löffel an mein Ohr halte – und wieso verlieren wir diese Art der Welterforschung, wenn wir erwachsen werden?

Wenn in Forschungsprojekten herkömmlicherweise zuerst eine theoretische Auseinandersetzung stattfindet, wollten wir «Queering Games» spielerisch beginnen und erst in einem zweiten Schritt, die gemachten Erfahrungen reflektieren und theoretisch einbetten. Deshalb haben wir uns an die Spiel-Expertinnen von untamed.love gewendet. Sie sind einerseits erfahren Spielzeug zu erklären und vertreten andererseits eine queere Position. Auch sie verstehen sexuelle Praktiken als Spielfeld in dem – im Einvernehmen aller Beteiligten – auch ausserhalb der gesellschaftlichen Konventionen gespielt werden kann und so der eigene und alle beteiligten Körper – vielleicht unter der Anwendung von Spielzeug – erforscht werden können.


Queer use als Opposition zu einem «richtigen» Gebrauch, so Sara Ahmed, wird in einer heteronormativen Gesellschaft leicht als Perversion gelesen. Dabei bleibt die Aneignung dieser Bezeichnung und Selbstbezeichnung als queer eine der wenigen Strategien, diese Normen zu verschieben. Die Pervertierung der Alltagsgegenstände zu Sextoys verstehen wir also nicht nur als spielerische Forschungspraxis, sondern auch als queer work im Sinne von Aktivismus für Diversität.


Vor dem Workshop haben wir einige Fragen definiert, auf die wir durch das Spiel im Workshop eine Antwort finden wollten.


«Alltag und Spiel stehen in einem dualen Verhältnis zueinander. Ein Objekt kann entweder Teil des Spiel- oder des Alltagssystems sein. Wie läuft dieser Wechsel von einem System ins andere ab?»


Der Workshop selbst fand im Kein Museum statt. Gemütlich hergerichtet war bereits beim Betreten des intimen Raums klar, dass die Alltagssphäre für den Zeitraum des Workshops verlassen wird. Sarah und Jessica stellten sich und untamed.love vor und nahmen die Position der Spielleiterinnen ein. Mit geschlossenen Augen wurden wir von ihnen durch eine Achtsamkeitsübung mit unserem Objekt geleitet. Das Setting des Raums, die vertrauensvolle Atmosphäre durch die Spielleitung, sowie der Rückzug in sich selbst durch das Schliessen der Augen schufen eine eigene Sphäre, die es ermöglichte, sich auf die Spielanleitung einzulassen.


«Welche Konsequenzen hat es für das Objekt und für die, die damit interagieren?»


Infolge dessen wurde der Gegenstand auch komplett von seiner herkömmlichen Funktion gelöst. Vielmehr traten seine physikalischen Qualitäten in den Vordergrund, die mit den Sinnesorganen erforscht werden können. Zudem traten bisher unbeachtete Aspekte des Designs in den Vordergrund. So zeigt sich, dass sich die Form einer Bürste auch zum Kratzen und Klarsichtfolie um jemanden zu fesseln eignet, ein Sparschäler lustige Geräusche macht und ein Flaschenöffner gut massieren kann.


«Wie spielen wir gemeinsam mit anderen und können Spielregeln und Konsens herstellen?»


Wenn man jedoch nicht alleine spielt, sondern mit jemand anderem, erhält die richtige Kommunikation auf einmal eine wichtige Rolle. Jessica und Sarah haben uns in das «Wheel of Consent» von Betty Martin eingeführt, ein Rad, das die Rollen in der Interaktion in Empfangen, Erlauben, Dienen und Nehmen unterteilt, wobei jeweils eine Person in einer aktiven oder passiven Haltung ist. Dabei konnten wir durch die Übung einerseits erfahren, welche Rollen uns vertraut sind, welche wir gerne einnehmen, bzw. konnten wir uns in den uns bisher fremden Positionen üben. Der Rahmen des Workshops und Spiels schuf dabei die geschützte Sphäre, in der über das Ausprobieren der unterschiedlichen Rollen Neues über sich selbst gelernt werden konnte, ohne dabei einer realen Gefahr des Übergriffs ausgesetzt zu sein.


Das Fazit des Workshops ist für uns also, dass es sich auch mit Alltagsgegenständen wunderbar spielen lässt. Dabei ist es die geschützte Sphäre und Anleitung zum Spiel die den Gegenstand und die Interaktion mit ihm in ein neues Licht rücken. Unter der Anleitung von Sarah und Jessica sind wir zu kleinen Alltagsforscher:innen geworden, die mit ihren Sinnesorganen ihre Umwelt neu kennenlernen durften. Die meisten Geschmäcker, Gerüche und Geräusche waren uns bereits bekannt, obwohl wir beispielsweise in unserem Erwachsenenleben keine Alltagsgegenstände mehr in den Mund nehmen. Gleichzeitig wurden bei vielen Kindheitserinnerungen wach, Erinnerungen an die Zeit, wo wir auf diese Art und Weise die Welt erkundet haben. Wir sind während dem Workshop nicht nur in eine Spielsphäre eingetaucht, sondern auch die Alltagswelt hat sich transformiert. So werden wir die mitgebrachten Gegenstände für eine Weile mit anderen Augen sehen, wenn sie uns im Alltag begegnen.


ps: Diesen und ähnliche Workshop wird man auch in Zukunft bei untamed.love besuchen können.

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Kooperation mit untamed.love – Expertinnen für Spiel(zeug) und Queerness: Untamed.love ist der erste sexpositive, queer-feministische Sexshop der Schweiz und stellt sich veralteten Rollenbildern und heteronormativen Vorstellungen entgegen. Untamed.love schafft eine Community für alle Geschlechter, Körper und sexuellen Orientierungen. In ihren Videos auf Instagram stellen Jessica und Sarah Sexspielzeug aus ihrem Sortiment vor und erklären die Funktionen und Anwendungsmöglichkeiten. Damit sind sie Expertinnen, Spielzeug zu verstehen und Spielregeln zu erklären.

(Carla Peca)

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